Dienstag, 19. Juli 2016

[Rezension] "Was wütet in mir so still?" von Reinhard Staupe

Copyright: mainbook
Hand aufs Herz – wer von Euch hatte schon einmal richtig böse Rachefantasien? Beim Nachbarn dröhnt ständig die Musik zu laut?
Wäre doch schön, wenn dessen Wohnung rein zufällig von einem tagelangen Stromausfall betroffen wäre! Von irgendeinem Deppen zum x-ten Mal blöd zugeparkt?
Ach, wäre das schön, wenn gerade jetzt ein Marder auf Wohnungssuche vorbeikommen würde!
Der Partner hat wegen einer/einem Anderen Schluss gemacht? 
Ha! Die Königsdisziplin unter den Rachegelüsten! Und zwar nicht nur für viele von uns, sondern auch für Martin Banner, die Hauptfigur aus Reinhard Staupes Romandebüt „Was wütet in mir so still?“ Der Unterschied - zu hoffentlich den meisten von uns: Martin Banner lässt es nicht mit Fantasien bewenden, sondern folgt auf konsequente Weise seinen eigenen grimmigen Vorstellungen von Gerechtigkeit.


Martin Banner war ein Protagonist, den ich unbedingt kennenlernen musste. Nach einem kurzen Blick auf Cover, Inhaltsangabe und Leseprobe war für mich klar, dass es sich bei dem Buch nicht nur um einen bloßen Thriller, sondern um eine ungewöhnlich intensive, tiefgründige Geschichte handelt - um eine Erzählung von der Fragilität der eigenen inneren Ordnung und der Unbeständigkeit von Wertvorstellungen und Selbstbeherrschung. Das Perfide an der Figur Banner ist, dass sie ohne Weiteres im echten Leben zwei Häuser weiter wohnen könnte. Ein netter Typ, der bei Frauen ankommt, gut aussehend, hilfsbereit, einer, dem die Familie wichtig ist, vielleicht ein wenig aufbrausend von Zeit zu Zeit, aber sonst… einer wie du und ich, wäre da nicht dieses teuflische Cover: zwei strahlend blaue aber grenzenlos hasserfüllt starrende Augen. Zusammen mit der boshaften Intrige, die Staupe seine Hauptfigur auf den ersten Seiten gegen Ex-Freundin Franzi spinnen lässt, ist dies eine deutliche Ansage an die Richtung der Handlung.

Wobei die Handlung insgesamt schwer in Worte zu fassen ist, denn Staupe pfeift auf eine konventionelle Romankonzeption. Er hat seinen ganz eigenen Erzählstil und macht dabei vieles richtig und einiges falsch. Das Hauptproblem für mich zeichnete sich erst nach und nach und so richtig erst im Endspurt ab. Denn nach einem fesselnden Auftakt, in dem Banner eine Bekannte anstiftet, den neuen Freund seiner Ex zu verführen und diesen Akt auch noch auf Video aufzunehmen, schlägt Staupe ausgesprochen ruhige Erzähltöne an.  Der Leser lernt die gesamte Familie und alle Freunde Martin Banners kennen, was durchaus nicht uninteressant, aber leider weit entfernt von einer konkreten Entwicklung der eigentlichen Thematik ist.                                  

Unbeantwortet bleiben lange Zeit die drängenden Fragen, die Staupe aufwirft: Wird Martin Banner das prekäre Video an seine Ex-Freundin abschicken, um sich an ihr zu rächen? Hat Banner eventuell einen Mord begangen? Oder hat er gar vor, einen Mord zu begehen? Unweigerlich wartet man auf einen Gesichtswechsel Banners - vom netten Kerl zum Psychopathen. Den vollzieht er aber nicht, oder nur am Rande, in Rückblicken, kurzen Überlegungen, schließlich in Form der einen oder anderen Entscheidung. In großem Umfang gewinnt der Leser stattdessen Einblick in die tiefen Gefühle von Verbundenheit Banners mit seiner Familie, mit seiner Schwester Bi und Großvater Heinrich.
Störend ist das lange Zeit nicht. Denn das Buch liest sich toll und wurde vom Autor mit viel Sorgfalt auf den Weg gebracht. Die Figuren werden mit einer unendlichen Geduld in ihrem Alltag begleitet und samt ihrer Probleme so genau gezeichnet, dass ich das Gefühl hatte, echte Menschen vor mir zu haben. Allerdings wiederholen sich viele Dinge mit der Zeit – genau wie im echten Leben. Die Szenen, in denen Banner, der hauptberuflich Zeichner ist, Porträts von Menschen fertigt, konnte ich beispielsweise am Ende kaum mehr zählen. Irritiert hat mich bisweilen auch der Sprachstil der Figuren, die vom rhetorischen Zeitgeist her gut und gerne den 70er oder 80er Jahren zugerechnet werden könnte. Beispiel: „Komm, mach ’n Abflug Junge!, brummte der Levis-Mann (…)“ 

Wirklich auf die Probe gestellt wurde meine Geduld erst weit nach der Hälfte des Buches, als Staupe mit der Nazivergangenheit der Familie Banner einen weiteren Handlungsstrang aufmacht. Das führte meiner Ansicht nach zu weit von der ursprünglichen Idee weg und zum ersten Mal hatte ich ernsthafte Zweifel an der von mir so sicher erwarteten spannenden Wendung der Handlung.

Wie Staupe das Finale seiner Geschichte dann tatsächlich gestaltet, hätte ich im Leben nicht erwartet. Der Clou der Handlung kommt derart abrupt und auf eine Weise, die mich letztlich doch sehr enttäuscht hat. Alles, was fehlte, war ein lautes, puffendes Geräusch für die geplatzten Erwartungen meinerseits.

Mein Fazit? Staupe hat Talent, keine Frage. Die Thematik vom bösen Ich im netten Kerl hat mir gut gefallen, aber die Umsetzung … die fand ich dann doch eher ungewöhnlich und sehr unbefriedigend.

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Was wütet in mir so still? von Reinhard Staupe 
Broschiert: 295 Seiten 
Verlag: MainBook
Erscheinungsdatum: 23. Juni 2016 
ISBN: 978-3946413004

Kommentare:

Reinhard Staupe hat gesagt…

Hallo!

Danke für Deine Rezi. Ich hoffe, es ist OK, dass ich als Autor hier ein paar Zeilen dazu schreibe. Und keine Bange, auch wenn das ungewöhnliche Finale nicht Deine Erwartungen erfüllt hat, so bin ich doch keineswegs enttäuscht, im Grunde ganz im Gegenteil, denn: es hat funktioniert! Es ist in der Tat so, dass die einen das Ende (dieses wie-geht-das-alles-aus, wie-geht-das-alles-aus) wow finden, und die anderen etwas gänzlich anderes erwartet hätten. Das war unvermeidlich, liegt in der Natur der Sache.

Es gibt drei Dinge, die für mich entscheidend sind. 1. Glaubt man die Figur Martin Banner und seine Welt um ihn herum, nimmt man sie für echt? 2. Gelingt die allmähliche Annäherung, das langsame Hineingezogenwerden in den Charakter, in seine dunklen Seiten, in seine Abgründe? Denn nur so, wenn das alles glaubwürdig ist, kann das ungewöhnliche Ende seine Wirkung entfalten. Und dann natürlich 3. Liest man das alles gerne bis zum Schluss, ist man gespannt auf die Auflösung? Wenn diese drei Dinge zutreffen, dann ist fast alles erfüllt. Hinzu kommt dann nur noch eines: Der Leser darf den Ausgang des Ganzen keinesfalls erwartet haben.

Wenn sich das Buch “toll liest” und Du “echte Menschen” vor Dir hattest – dann freut mich das sehr! Das ist ein echtes Kompliment für mich.

Mehr sage ich hier nicht, denn ich will natürlich nicht spoilern. Gerne mehr per Mail, wenn Du magst.

Liebe Grüße,
Reinhard Staupe

PS Es gibt einen tollen Roman von Eric Ambler: Schirmers Erbschaft. Als ich seinerzeit voller Spannung die letzte Seite las, konnte ich genau diese eine allerletzte Seite nicht fassen, denn alles hätte ich erwartet, aber nicht das - ich war enttäuscht, dass es eben nicht so ausgegangen ist, wie ich es mir gewünscht hätte. Erst einige Jahre später, beim zweiten Lesen des Buches, konnte ich dann akzeptieren, dass Ambler genau das wollte: nicht mein Ende schreiben, sondern seines. Wenn auch bis heute mit einem leichten Grummeln... :-)

Kathrineverdeen hat gesagt…

Hallo,

vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar zur Buchbesprechung. Nicht jeder Autor macht sich die Mühe und geht auf eine Kritik ein. Unsere Rezensentin Lex befindet sich gerade in ihrem wohlverdienten Blogurlaub. Sie wird danach sicher antworten.

Liebe Grüße

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