Sonntag, 1. Oktober 2017

[Rezension] "Familie Grace, der Tod und ich" von Laure Eve

"Familie Grace, der Tod und ich" von Laure Eve
Copyright: FJB
An "Familie Grace, der Tod und ich" von Laure Eve bin ich in der Programmvorschau nicht nur wegen des ungewöhnlichen Titels, sondern vor allem aufgrund des wunderbar gestalteten, mystischen Covers einfach nicht vorbei gekommen. Vielleicht kennt ihr das, aber ich hoffe ja immer, dass der Inhalt genauso grandios ist, wie das Äußere. Eine Enttäuschung - wie in diesem Fall - ist dann besonders bitter.

Ich hatte anfangs das Gefühl, in einem lauen Aufguss von Stephenie Meyers Vampir-Saga gelandet zu sein. Wer Twilight kennt, dem fällt sofort eine ganz bestimmte Ähnlichkeit auf. Die Familie Grace, um die es hier geht, kam mir wie ein Abbild der Cullens vor. Im Einzelnen gibt es: Esme, pardon Esther Grace, ihren Mann Gwydion, den schönen Fenrin Grace, dessen unnahbare Zwillingsschwester Thalia und die liebenswert-exzentrische Summer. Zur Hälfte taucht noch ein gutaussehender Verwandter namens Wolf auf - (fast) alle vollständig, würde ich sagen. Und mit diesem Zitat, dürfte klar sein, was ich meine:

„Sie bewegten sich geschmeidig wie Fische durch die Flure, zogen die Blicke hinter sich her wie Wellen in ihrem Kielwasser.“ S. 6


Allerdings entwickelt sich die Handlung anders als gedacht. Dass Laure Eve eine bestimmte Erwartungshaltung aufbaut, dann aber eine völlig andere Richtung einschlägt, hat mir grundsätzlich gefallen. Die Autorin hat für ihre Geschichte das Thema Magie gewählt, lässt ihre Leser aber lange im Unklaren darüber, ob es diese Magie nun wirklich gibt oder aber den Graces’ nur nachgesagt wird, sie seien echte Hexen. Diese Uneindeutigkeit ist verunsichernd, aber auch spannend. Und so muss ich zugeben, dass ich erst einmal 
gefesselt war und nur so an den Seiten gehangen habe. Ich empfand die Atmosphäre als geheimnisvoll, den Schreibstil als flüssig und gut. Nach den ersten Kapiteln ließ die Faszination leider schnell nach.

Mein größtes Problem mit diesem Buch ist Hauptfigur River. River ist neu in der Stadt und von Anfang an von den Graces fasziniert. Sie ist regelrecht besessen von der Familie, möchte so sehr dazugehören, dass es keinen anderen Lebensinhalt und keinen anderen Gedanken mehr für sie gibt. River ist ein einsames Mädchen, das sich vernachlässigt fühlt. Deshalb konnte ich ihren Hunger nach Anerkennung, ihre Fixierung auf diese scheinbar perfekte, reiche, große Familie Grace prinzipiell verstehen. Nicht jedoch ihre Art, sich mit der Freundschaft, die sie versucht aufzubauen, zu brüsten und auf andere, die ihre Faszination für die Graces teilen, herabzublicken. Ich bin sicher, Laure Eve hat ihre Figur sehr bewusst auf diese Weise gezeichnet. Offenbar stecken eigene Ausgrenzungserfahrungen der Autorin in dem Charakter. Aber Rivers schwankendes Auftreten hat mich abgeschreckt, das kann ich nicht anders sagen.
River kam mir oft oberflächlich, berechnend und abwertend vor. Irgendwie ging es mir bei ihr oft zu sehr um Äußerlichkeiten und ums eigene Image - ich konnte sie bis zuletzt nicht gut einschätzen. Für mich war sie eine zwar ungewöhnliche, aber auch schwierige, teilweise unsympathische Heldin.

Leider fehlte mir mit der Zeit auch die Spannung.
„Familie Grace, der Tod und ich“ bot mir gerade im Mittelteil zu wenig Anreize und kaum Entwicklung. Das Spiel mit der Illusion funktionierte für mich irgendwann nicht mehr, alles blieb zu undurchsichtig und schwammig, dabei aber zu wenig ausgeklügelt-subtil. Wie sich dann alles auflöste, war definitiv überraschend, mir jedoch zu unglaubwürdig. Als positiv zu verzeichnen ist, dass die Spannung wieder steigt - es wird sehr dramatisch. Rivers Persönlichkeit wird für den Leser gegen Ende besser nachvollziehbar. Trotzdem bin ich mit ihr einfach nicht richtig warm geworden.

Fazit: Tolles Cover, aber ein für mich nicht überzeugender Inhalt. In Amerika erscheint mit „The Curses: A Graces Novel“ im kommenden Jahr eine Fortsetzung. Ich selbst werde meinen Besuch bei der Familie Grace nicht wiederholen. Die Handlung spielt mit Erwartungshaltungen rund um das Thema Magie, bleibt aber zu lange undurchsichtig und entwickelt sich dann in eine Richtung, die mir zu übertrieben erschien. Mit Protagonistin River hat die Autorin eine ungewöhnliche, fast schon zerrissene Hauptfigur erschaffen, mit der mich leider zu wenig verbindet. Teilweise war sie mir regelrecht unsympathisch.



WERBUNG
Folgende Links kennzeichne ich gemäß § 2 Nr. 5 TMG als Werbung


Übersetzung: Christiane Steen
Original: The Graces
Hardcover: 352 Seiten
Verlag: FISCHER FJB
Erscheinungsdatum: 21. September 2017
ISBN: 978-3841422446
 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen