Montag, 13. November 2017

[Rezension] "Memory Game - Erinnern ist tödlich" von Felicia Yap


"Memory Game - Erinnern ist tödlich" von Felicia Yap
Copyright: Penhaligen
Tiefstapeln war bei den Werbeversprechen jedenfalls nicht angesagt: „High-Concept-Thriller“, „fesselnd wie GONE GIRL und dramatisch wie ICH.DARF.NICHT.SCHLAFEN.“, „faszinierend, philosophisch und hochspannend“. Geschrieben wurde dieses Meisterwerk noch dazu von einer Wissenschaftlerin der Biochemie, Historikerin, Kritikerin und Journalistin. Was kann denn da noch schief gehen?, dachte ich mir. 

Die Handlung klang auch wirklich interessant: Denn in "Memory Game - Erinnern ist tödlich" von Felicia Yap geht es um eine Gesellschaft, die sich in Monos und Duos teilt. Die Erinnerung der Monos reicht nur 24 Stunden zurück, die der Duos volle zwei Tage. In dieses Szenario platziert die Autorin den Mord an einer Blondine und rückt mit Mark und Claire ein Duo-Mono-Ehepaar ins Zentrum der Ermittlungen. Kommissar Richardson muss den Fall schnell lösen, weil sich Täter und Zeugen sonst nicht mehr an die Tat erinnern können oder wollen.

Erinnerungslücken sind im Genre an der Tagesordnung, dass aber eine ganze Gesellschaft mit Gedächtnisschwierigkeiten zu kämpfen hat, ist radikal neu. Leider kam die Ernüchterung ziemlich schnell. Enttäuschung Nummer 1: Kein ausgetüfteltes Zukunftsszenario, sondern eine hauchdünne Parallelwelt anno 2015. Tatsächlich hatte ich den Eindruck, diese Welt unterscheidet sich im Grunde kaum von unserer heutigen. Denn entweder lernen die Leute alle wichtigen Fakten sorgsam auswendig, wodurch diese ins Langzeitgedächtnis gelangen und abrufbar sind (wo auch immer die Grenze zur normalen Erinnerung liegt) oder aber sie werfen einen Blick in ihr iDiary und sagen dann Sachen wie „laut meinem Tagebuch habe ich gestern dieses und jenes gemacht“ oder „mein Tagebuch sagt, ich habe diese Frau nicht gekannt“. Psychologische Spannung? Nada!

Der originellen Idee konnte die Umsetzung nicht gerecht werden, die in allen Punkten lasch und uninspiriert auf mich wirkte. Der gesamte gesellschaftsrelevante Aspekt und was dieser dann im Einzelfall bedeutet, spielte so gut wie keine Rolle. So möchte die Autorin Vorurteile und Diskriminierung anhand des Ehelebens von Duo-Mono-Pärchen Mark und Claire spürbar machen, beschränkt sich aber auf oberflächliche Scharmützel. Die Charaktere äußern immer mal wieder, dass sie (die Duos) die Monos für beschränkt halten oder sie (die Monos) teilen dem Leser mit, wie arrogant sie die Duos finden. Bei geringsten Hinweisen, dass sich jemand an ALLES erinnern kann (was vorkommt), landen die Betreffenden in der Psychiatrie und werden für Jahre weggesperrt. Dabei habe ich schon nicht verstanden, wo das Problem überhaupt liegt, weil ja offenbar alles ganz leicht auswendig gelernt oder im iDiary nachgeschlagen werden kann und somit kaum Unterschiede zwischen Duos und Monos bestehen dürften. 24 Stunden + sind nun auch nicht die Welt. Das kam mir alles reichlich paranoid vor. Zu Beginn einiger Kapitel sind Ausschnitte aus Zeitungsartikeln oder Gesetzen eingefügt, diese bieten aber kaum weitere Erkenntnisse und schienen mir daher sogar überflüssig.

Ohnehin entfernte sich der Plot schnell vom versprochenen Thriller zu einer Art Ehedrama. Eine „unglaublich fesselnde“ Handlung konnte ich nicht finden. Der Schreibstil ist soweit in Ordnung, allerdings eher schlicht und teilweise explizit und derb. Was mich einige Nerven gekostet hat, waren die endlosen Nebensächlichkeiten, die mit einflossen. Alles ist sehr umständlich und ausholend, aber seitenweise völlig belanglos.

"Mann: Könnten Sie mir bitte sagen, wo Sie sich zwischen dem Abend des Balls und ihrem Wiederauftauchen aufgehalten haben?
Frau: Das ist ein Geheimnis.
Mann: Was ist ihnen in diesen neunzehn Tagen widerfahren?
Frau: Diverse Dinge. Alles Mögliche. (…)
Mann: Aber was genau?
Frau: Habe ich nicht gerade gesagt, dass das ein Geheimnis ist?" (Zitat, S. 226/227)

Irgendwie habe ich es geschafft, mich bis zum Ende vorzuarbeiten. Aber die Story zog sich - obwohl lediglich ein Zeitraum von 24 Stunden behandelt wird - wie Kaugummi, mit Wendungen nach Schema F und Charakteren, die stereotyp aufs Papier geworfen wurden, mehreren heißen Blondinen, einem Marlboro rauchenden Kommissar. Stück für Stück finden die Figuren heraus, wie es zum Tod der Frau gekommen ist. Dabei ließen mich die Gedankengänge mitunter ernsthaft am Alter (um die 40!) und Verstand aller Beteiligten zweifeln. Nach dem Motto: Schaue ich doch nochmal eben im iDiary nach, wie mein Mann und ich uns kennengelernt haben. Huch! So war das? Mein Mann ist in Wahrheit ja ein fieser, widerlicher Typ. Immerhin das Ende, so hoffte ich, würde doch wohl hoffentlich ein kleiner Lichtblick sein, aber was die Autorin hier aus dem Hut zaubert, grenzt für mich an einer schlechten Vorabend-Soap.

Fazit: “Memory Game - Erinnern ist tödlich“ versprach einen Mix aus originellem Weltenentwurf und fesselndem Thriller, blieb für mich aber Galaxien hinter den Erwartungen zurück. Charaktere ohne Tiefgang, schlichter Schreibstil, mageres Setting und Twists nach der Schablone. Für mich leider ein unterdurchschnittliches, extrem langweiliges Buch. Mein iDiary würde sagen: "Meh!"



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Memory Game - Erinnern ist tödlich von Felicia Yap

Originaltitel: The Day after Yesterday
Übersetzung: Bettina Spangler
Broschiert: 448 Seiten
Verlag: Penhaligon Verlag

Erscheinungsdatum: 25. September 2017
ISBN-13: 978-3764531829

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