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Alternatives Ende mit ein paar Überschneidungen. Es ist spät am Abend. Iason hat Mia gerade gesagt, dass er nicht nach Loduun zurückgeht, sondern auf der Erde bleiben wird. In diesem Moment holt er ihr ein Glas Wasser und sie ist kurz allein in seinem Zimmer:

Ich lauschte Krahjas Klirren und versuchte, mich zu beruhigen, als Finn durch die offene Zimmertür guckte. Er trug eine aus modischen Gründen zerrissene Jeans und ein grellgelbes Oberteil, das ebenfalls mehr ein Fetzen als etwas anders war. „Hey, du bist noch wach?“
„Hmhm“, machte ich. „Wie war das Konzert?“
„Super, die Jungs sind total abgerockt. Sieh mal“, er zog am Saum seines T-Shirts. „Hab ich mir am Merchandising-Stand gekauft.“
„Cool“, gab ich zu.
Eine seltsame Wehmut stahl sich in sein Gesicht, und er lehnte sich mit der Schulter gegen den Türrahmen. „Eure Musik wird mir fehlen, wenn ich wieder auf Loduun bin.“
Ich winkelte die Beine an und stützte mein Kinn auf die Knie.
„Iason hat mir eben gesagt, dass er nicht mit dir kommen wird.“
Finn schien in keiner Weise überrascht. „Ich weiß.“ Er sah mich offen an. „Ich hab versucht, es ihm auszureden.“
„Ich weiß“, sagte nun ich und konnte es ihm nicht mal übel nehmen. Unsere Sorge um Iason unterschied sich, wenn überhaupt, nur im Detail. „Glaubst du, er packt das?“
„Ich denke, ihm bleibt keine andere Wahl. Wenn es um dich geht, setzt sein Verstand aus.“
„Klingt nicht gerade begeistert, was?“
Finn überlegte.
„Iason war ein gebrochener Mensch, nachdem Lokondras Leute seinen Clan überfallen haben. Seit er dich kennt, beginnt er wieder zu leben. Ich denke, du bist es wert. An seiner Stelle würde ich wahrscheinlich das Gleiche tun.“
Ich schenkte ihm ein Lächeln. „Es tut gut, deinen Segen zu haben.“
„Siehst du, so klären sich viele Dinge von selbst.“
Ich seufzte. „Nicht alle. Lena wird mir wohl nie verzeihen.“
Er verlagerte sein Gewicht auf das andere Bein. „Habt ihr beide das immer noch nicht geklärt?“
„Sie ist nicht ins Krankenhaus gekommen.“ Ich zupfte an meiner Bettdecke.
„Doch, sie war da.“
Überrascht schaute ich zu ihm hin.
„Ich bin mir ganz sicher. Als du noch im Koma gelegen bist, habe ich Iason besucht. Er bat mich, ihn zu dir zu führen, da hab ich sie gesehen.“
Ich fixierte wieder meine Knie. „Sie hat bestimmt Tom besucht.“
„Nein, sie ist aus deinem Zimmer gekommen. Ich glaube, sie hat uns damals nicht bemerkt, weil sie in die entgegengesetzte Richtung des Flurs davongegangen ist. In der Schule hat sie mich auch ständig nach dir gefragt.“
„Was?“ Viel zu schnell für meinen Kopf, sprang ich aus dem Bett. „Und das sagst du mir erst jetzt!?“
„Konnte nicht ahnen, dass du es nicht weißt.“
„Woher sollte ich? Ich lag doch im Koma, Dummkopf.“ Ich schlüpfte in den Turnschuh und wackelte, während ich den zweiten suchte, auf einem Bein zum Schreibtischstuhl, über dem meine Jacke hing. Als ich sie gerade anziehen wollte, hielt ich jedoch mitten in der Bewegung inne. „Warum hat Iason mir nichts davon gesagt?“
„Er war blind, Witzbold.“
„Gibt es was zu lachen?“, fragte Iason, der mit meinem Glas Wasser kam.
„Nein. Ich muss zu Lena!“
„Jetzt? Das schlag dir aus dem Kopf!“ Er schnappte sich meine Tasche, in der mein Portemonnaie mit der Monatskarte war. „Du weißt, dass ich dich noch nicht Linienschiff fahren lasse.“
„Dann werde ich eben laufen.“
„Mia!“
Ich hatte jetzt wirklich keine Zeit, auf seine Beschützerinstinkte Rücksicht zu nehmen und schlängelte mich ohne Kommentar an ihm vorbei. Er folgte mir die Treppe hinab und versperrte mir den Weg.
„Was ist los?“
„Sei vorsichtig“, sagte Finn. „In solchen Fällen haut sie mit Bratpfannen um sich.“
Ich witschte an Iason vorbei.
„Mia, jetzt warte doch mal.“
Doch ich war schon auf halbem Weg die Einfahrt hinab.
Ich hörte, wie die Tür zuschlug und Schritte mich einholten. Wenige Sekunden später lief Iason auch schon an meiner Seite.
„Liege ich richtig in der Annahme, dass es hier um irgendetwas Irdisches geht?“
„Liebe, Iason, es ist Liebe. Eine andere Art wie zu dir, aber im Grunde sehr ähnlich.“
„Verstehe. Ich rufe ein Taxi.“
Und das tat er dann auch. Nachdem ich gefühlte dreißig Mal die Einfahrt hin und her gehastet war, landete endlich das Schiff.
Was kam mir die Fahrt lang vor. Ich konnte es kaum mehr erwarten. Wir erreichten die Südstadt. Dort vorn lag es, das Haus der Heinemanns. Die beleuchtete Palme im Vorgarten wurde größer. Und dann sahen wir auch den Springbrunnen. Das Schiff landete. Wir sprangen hinaus und liefen zur Rückseite des Grundstücks. Puh, ich war wirklich noch nicht so ganz in Form.
„Ich muss joggen gehen, um meine Kondition zu verbessern.“
„Soll ich dich tragen?“
„Nein. Ich schaff das.“
„Wir sind gleich da.“
„Kann ich mal dein iCommplete?“, schnaufte ich.
Iason gab es mir. Hastig wählte ich Lenas Nummer.
„Hallo“, hörte ich ihre verschlafene Stimme. Mein Herz machte einen Sprung.
„Ich bin's. Mia. Kannst du die Alarmanlage ausschalten?“
Sie machte eine verdutzte Pause. Kurz bekam ich es mit der Angst zu tun. „Warte eine Sekunde“, sagte sie dann aber. „Ich melde mich, wenn ich soweit bin.“
Als sie das Gespräch weggedrückt hatte, krallte ich mich an Iasons Arm. „Sie macht's!“ Mir entfuhr ein unterdrücktes Jauchzen.
Er nahm meine Hand. „Bitte, Mia. Überanstrenge dich nicht.“
Ich holte tief Luft. Mir war tatsächlich etwas schwummerig von der ganzen Aufregung, aber als ich ihn beruhigen wollte, klingelte das iCommplete.
„Lena?“
„Die Alarmanlage ist aus.“
„Okay, wir sind gleich da.“
Iason kletterte als Erster über die Mauer und nahm mich entgegen, um meinen Sprung abzufedern.
In geduckter Haltung liefen wir über den englischen Rasen, an der weißen Gartenlaube vorbei und erreichten die Seite des Hauses, wo Lenas Zimmer war, als sie auch schon das gelbe Rollo hochzog. Das Fenster öffnete sich, und da sah ich sie, meine verlorene Freundin. In das schwache Licht ihrer Nachttischlampe getaucht lehnte sie über dem Sims.
„Kann ich kurz zu dir hochkommen?“, schob ich meine Worte leise zu ihr hinauf.
„Mia, du kannst nicht mit 'nem Schädelbruch unsere Hauswand hinaufklettern“, rief sie im Flüsterton.
„Jetzt fang du nicht auch noch an.“
„Warte.“ Iason verstärkte seinen Schein. Und ich erhob mich umhüllt von schimmerndem Blau in die Luft, schwebte durchs Fenster und landete sanft auf dem Boden.
Im nächsten Moment stand er wie aus dem Nichts geboren neben uns.
Lena bekam den Mund nicht mehr zu.
Ich bedankte mich.
Er wandte sich Lena zu. „Wenn es Mia nicht gut geht, oder dir irgendetwas seltsam an ihr vorkommt, ruf mich an, ja?“
Lenas Verwunderung fand kein Ende. „Sagt mal, was geht hier eigentlich vor?“
Er übergab ihr einen Rucksack. „Nur für den Fall.“ Sein Blick wurde unruhig, als er zu mir sah. „Bitte, sei vorsichtig“, sagte er und schlüpfte, gewandt wie eine Katze, durchs Fenster.
Ich schaute ihm nach, bis er über den Rasen lief und in der Dunkelheit verschwand.
„Wie geht es dir?“, fragte Lena, als ich mich zu ihr umdrehte. „Iason scheint ziemlich besorgt zu sein.“
Ich schnaufte noch immer von meinem Lauf. „Er übertreibt maßlos.“
„Hm“, machte sie wenig überzeugt. „Und warum bist du hier? Ich meine jetzt um“, sie wies mit einem kurzen Blick zur Uhr, „Halb zwei.“
„Du warst im Krankenhaus, stimmt's?“
„Kannst du dich bitte mal deutlicher ausdrücken?“
Ich sah sie an, in der Hoffnung ihr Gesicht würde mir die letzten Zweifel nehmen. „Hast du mich besucht, als ich im Koma lag?“
„Natürlich, ich wollte wissen …“
Ich fiel ihr um den Hals und drückte sie.
„Du warst da. Du warst wirklich da!“
„Mia“, röchelte sie, „… krieg … keine Luft.“
„'tschuldige.“ Ich ließ sie los und wischte mir unter der Nase entlang. „Aber warum …?“ Ich stockte.
„Warum ich dich nicht besucht habe, als du aufgewacht bist?“
Sie seufzte und es schien, als müsste sie ihre Worte abwägen, aber dann, sie seufzte ein weiteres Mal, brach es aus ihr heraus. „Ich könnte dir jetzt was von Hausarrest erzählen, und dass meine Eltern mich wie Adler bewachen, aber das würdest du mir sowieso nicht glauben. Nein, die Wahrheit ist: Es hat vieles gegeben, über das ich nachdenken musste. Nicht nur, was zwischen uns war“, ihre Stimme senkte sich, und sie sackte in sich zusammen. „Was dort im Bunker passiert ist …“ Weiter sprach sie nicht, und auch in mir stiegen die Erinnerungen hoch.
„Ich dachte“, sagte ich vorsichtig, „du wolltest mich nicht sehen, weil du noch sauer auf mich bist?“
„Das bin ich auch.“ Sie richtete sich auf. „Und trotzdem bist du ein Teil von mir und wirst es immer sein.“
Ich musterte sie, glich ihre Worte genaustens mit dem ab, wie sie mich ansah, und dann lächelten wir beide schwach.
In stillem Einvernehmen setzten wir uns aufs Bett.
„Was ist mit Tom?“, wollte ich wissen.
Sie machte eine abwinkende Handbewegung. „Themawechsel.“
Hä? Nach alldem, was Lena mit ihm durchgemacht hatte? „Wieso?“, fragte ich dann auch.
„Er hat jemanden.“
„Nein!“ Ich war fassungslos.
„Und du kennst ihn ziemlich gut.“
„Ihn?“, fragte ich verwirrt, aber dann begriff ich, und meine Augen weiteten sich. „Nein!“
„Doch, Mia. Es ist Peer.“
„Dieser Arsch, wie konnte er nur?“ Meine arme Freundin. Ich wollte sie in die Arme nehmen. Doch Lena bremste mit der Hand. „Lass es uns langsam angehen, Mia, okay?“
Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. „Klar“, sagte ich und rang mir ein Lächeln ab.
„Weißt du“, sagte sie, „ginge es um eine andere Frau, könnte ich wenigstens eifersüchtig und wütend sein. Aber so“, sie seufzte, „da kann man nichts machen.“
„Klar“, sagte ich wieder.
Lena zupfte leicht nervös an der Bettdecke. Bald schon wussten wir beide nicht mehr, wo wir hinschauen sollten. „Ich glaube, ich werde dann mal gehen“, sagte ich schließlich.
Lena wurde immer unruhiger. Ich riskierte einen Blick in ihr Gesicht. Zwischen ihren Wimpern glitzerten Tränen.
„Ach, komm schon her, du blöde Kuh!“, schimpfte sie schließlich.
Da fiel ich ihr auch schon in die Arme.
Nachdem wir uns beide kräftig ausgeheult hatten, löste Lena sich von mir, um nach den Kleenex auf dem Nachttisch zu greifen. Dabei streife sie den Rucksack, den Iason hiergelassen hatte. „Was ist da eigentlich drin?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Guck doch mal rein.“
Mit gerunzelter Stirn zog Lena das Beatmungsgerät und den silbernen Medikamentenkasten heraus. Ihnen folgte ein Beutel Infusionsflüssigkeit und ein brandneues iCommplete, weil meines ja irgendwo in den Bergen lag. Obendrein ein Zettel mit Notfallmaßnahmen.
Und da mussten wir lachen. Es war ein schockiertes und fassungsloses Lachen über all das, was passiert war, und es barg so viel Schmerz und gleichzeitig Erleichterung, dass es vorüber war, und dann verfielen wir in hysterisches Giggeln – bis es an der Tür rüttelte. Zum Glück war abgeschlossen.
„Lena!“
Uns stockte der Atem.
„Papa?“
„Ist diese Mia bei dir!?“, brüllte Herr Heinemann, so, dass die Wände wackelten. „Ich habe dir schon hundertmal gesagt, dass ich sie nicht in meinem Haus sehen will!“
Ich suchte nach einem Ausweg, als draußen plötzlich die Palmenbeleuchtung zu flackern begann. Bald schon warf sie sprühende Funken. Im nächsten Moment erfüllte ohrenbetäubend laute Musik den Garten.
„Das ist nicht bei mir“, rief Lena. „Das kommt von draußen.“
„Verdammt!“, fluchte Herr Heinemann und polterte die Treppe hinab.
Lena sprang zum Fenster und riss dabei die Nachttischlampe herunter. „Es ist die Stereoanlage im Garten? Wer hat die denn angestellt?“
„Drei Mal darfst du raten.“ Hastig blickte ich ihr über die Schulter.
Das iCommplete aus dem Rucksack schlug Alarm.
„Iason?“
„Was ist los?“ Seine Worte überschlugen sich fast.
„Lenas Vater hat uns erwischt.“
„Ich komme.“
„Jetzt aber schnell“, sagte ich, sowie er aufgelegt hatte.
Ich wollte gerade aus dem Fenster klettern, als hinter mir ein grimmiges „Denk nicht mal dran“, aus dem Zimmer kam. Lena und ich fuhren wie Wurfgeschosse herum.
Ein saphirblaues Augenpaar funkelte aus der dunkelsten Ecke des Zimmers.
Ich griff mir ans Herz. „Mann, Iason, hast du mich erschreckt.“
Lena riss die Tür auf und schaute rasch in den Flur. „Ist frei. Geht hier lang. Ich lenk meinen Vater ab.“
Schnell packte Iason meine Hand. Es gelang mir gerade noch, Lena ein letztes Mal kurz zu umarmen. „Du und ich, Lena?“
„Wir beide“, antwortete sie und dann lächelte sie ihr einzigartiges Lenalächeln.
Iason und ich eilten die Treppe hinab.
„Papa!“, hörten wir Lena aus ihrem Fenster rufen.
Wir spähten aus der Tür.
Herr Heinemann eilte zu ihrem Fenster hinters Haus.
„Da drüben ist was“, rief Lena.
Wir entkamen ins Freie und rannten auf die Grundstücksgrenze zu. Im Schatten eines hohen Bambus kletterten wir über die Mauer.
Wir liefen die Straße entlang. Als ich nicht mehr konnte, ließ Iason mich schweben, bis wir in eine schmale Seitengasse einbogen. Dort senkte er mich wieder hinab.
„Das dürfte weit genug sein“, meinte Iason.
Ich atmete erleichtert auf.
Er zog sein iCommplete aus der Tasche, wohl um ein Schiff zu rufen.
„Warte.“ Ehe er wählen konnte, legte ich meine Hand auf das Gerät. „Lass uns da hingehen, wo alles angefangen hat, ja?“
„Wie? – Jetzt?“
„Kannst du etwa schlafen?“, fragte ich.
Er schnaubte. „Wo denkst du hin?“
„Dann lass uns zum Strand gehen.“
„Gut, aber wir fliegen“, war seine Bedingung.

Das Taxi setzte uns am westlichen Stadtrand ab. Von dort führte ein schmaler Pfad zu dem Strandabschnitt, an den Iason mich einst geführt hatte, um gemeinsam mit mir den Schock zu überwinden. Ein Weg, um Frieden zu schließen, mit mir und meinem Versagen, das beinahe Hopes Tod bedeutet hätte.
Bei dem Gang durch die Dünen wurde ich immer schweigsamer. In das blasse Mondlicht getaucht streckte ich den Arm aus und ließ das Dünengras mit jedem Schritt durch meine Finger gleiten. Ich konnte es mir selbst nicht erklären. Alle Probleme, zumindest alle, die derzeit zu lösen waren, hatten ein gutes Ende genommen. Und dennoch verspürte ich keine Erleichterung. Im Gegenteil.
Ich ärgerte mich richtig, weil ich mich nicht freuen konnte.
Iason ließ mir Zeit. Er verstärkte das Strahlen seiner Augen nur, wenn es nötig war, vereinzelte Kuhlen im Sand zu beleuchten, in die ich sonst hineingetreten wäre, weil ich sie mit meinen irdischen Augen nicht sehen konnte.
Ich hörte das Rauschen der Wellen, ehe ich sie sah. Leise und dennoch mächtig brachen sie sich am Riff. Wenig später konnte ich die weißen Schaumkronen, die auf dem Wasser tanzten, erkennen. Wir kamen ihnen immer näher, jeder für sich und doch gemeinsam. Bis wir eine alte Seebrücke erreichten. Iason kletterte auf den Steg und reichte mir die Hand, um mir hinaufzuhelfen. Zusammen gingen wir auf das Meer hinaus. Am Ende ließen wir uns auf den Holzplanken nieder und blickten in die Ferne, während eine leichte Brise um unsere Gesichter strich.
„Du bist so still“, sagte er irgendwann. „War dein Gespräch mit Lena doch nicht so gut, wie es den Anschein hatte?“
„Ich dachte, du hättest gelauscht?“
„Das würde ich nie tun“, beteuerte er. „Ich habe nur Herrn Heinemann mitbekommen. Er war einfach nicht zu überhören, selbst noch von der anderen Straßenseite aus.“
Ich lächelte schwach. „Lena hatte mir schon längst verziehen? Sie wollte sich nur nicht mit mir treffen, weil sie Angst hatte, wir würden über das, was geschehen ist, reden.“
Er legte den Arm um mich. „Manchmal ist es eben einfacher, die Dinge zu verdrängen.“
„Aber nicht besser, sie holen einen sowieso wieder ein.“ Das sagte ausgerechnet ich.
„Nein, nicht besser“, gab er mir recht.
Ich nahm einen tiefen Atemzug, um mich von der Enge in meiner Brust zu befreien.
„Und du, Mia? Kannst du darüber reden?“
Ich hatte das Bedürfnis zu weinen. Aber ich konnte nicht. „Ich verstehe es nicht. Ich sitze hier mir dir, obwohl alles danach aussah, dass es nie wieder so sein würde. Bald geht die Sonne auf, Tom ist frei und lebt, und zu guter Letzt hat sogar Lena mir verziehen. Warum kommt ausgerechnet jetzt alles hoch? Ich will das nicht. Ich möchte einfach nur glücklich sein, mit dir und Lena, und …“ Ich vergrub mein Gesicht in seiner Halsbeuge und spürte die schweren Schluchzer, die wie versteinert in meiner Brust feststeckten. „Es sitzt so tief, und es will einfach nicht aus mir heraus.“
„Ich weiß, Liebes. Du hast das Gefühl, deinen Schmerz nie wieder bezwingen zu können. Du denkst, er würde dich von nun an leiten, jetzt und immerdar.“
Sein blauer Schein umgab uns wie eine glitzernde Hülle aus Phosphor. „Aber glaub mir irgendwann, irgendwann lässt es wieder nach.“
„Ich hätte nie gedacht, dass man so was aushalten kann, dass Böses so böse ist.“
„Du meinst das Wissen darum, dass dir jemand absichtlich wehtun wollte?“
Ich nickte schniefend und richtete mich etwas auf. „Aber viel schlimmer war, dass sie euch wehtun wollten.“
„Das kenne ich. Mir ging es so, als unser Clan angegriffen wurde.“
Ich berührte seine Wange. „Du hast mir nie davon erzählt.“
Er schwieg eine Weile und sah zu den Sternen. „Sie kamen nachts und völlig unerwartet“, sagte er dann. „Niemand von uns ahnte auch nur im Geringsten, was Lokondra im Schilde führte. Die Idee einer Waffe war uns nie gekommen und auch nicht, dass jemand so berechnend Leben auslöschen könnte. Deshalb liefen wir auf sie zu. Wir glaubten, sie bräuchten vielleicht Hilfe.
Sie haben uns abgeschlachtet, als hätte unser Leben keinerlei Wert.
Sie haben es besonders auf die Kinder abgesehen, die ja noch nicht sleiten konnten. Wir schützten sie mit dem Einzigen, was wir diesen Mördern in den Weg stellen konnten, uns selbst. Doch gegen ihre Waffen waren wir machtlos. Wir wussten nicht mal, mit was sie uns beschossen und Viele in Stücke rissen.“ Er schluckte, bevor er leise fortfuhr. „Mein Clan ist in die Wälder geflohen, oder besser gesagt, die Wenigen, die überlebten. Und nachdem sie bei uns gewesen waren, griffen sie die anderen Clans an. – In jener Nacht haben sie Hope mitgenommen.“ Jetzt sah er wieder zu mir hin. „Wenn man so etwas zum ersten Mal erlebt, ist man lange Zeit wie gelähmt.“
„Du tust gerade so, als könnte man sich daran … gewöhnen!“
Iasons Blick verweilte auf meinem Gesicht. „Nein, man gewöhnt sich nie daran, aber beim nächsten Mal ist man auch nicht mehr ganz so unvorbereitet.“ Er lächelte traurig.
Ich nickte wieder. Sagen konnte ich nichts.
Erst viele stille Atemzüge später fragte ich: „Lässt dieses Brennen in einem irgendwann nach, oder bleibt das so?“
Er schob mir eine Strähne hinters Ohr.
„Wie alt bist du heute, Mia?“
Ich war irritiert. „Siebzehn“, sagte ich dann.
„Und wie alt warst du, als es passierte?“
„Was meinst du?“
„Sag es einfach, wie alt warst du?“
„Äh, sechs Wochen jünger.“ Hatte ich richtig gerechnet?
„Wo warst du damals?“
„Im Bunker. Worauf willst du hinaus?“
„Und an welchem Ort bist du heute?“, überging er meine Frage.
Ich zögerte. „Mit dir am Meer?“
„Siehst du, Mia. Was geschehen ist, ist vorbei, aber du, du bist noch da. Dein Schmerz wird nie ganz vergehen, doch du kannst lernen, damit zu leben.“
Der Mond spiegelte sich auf dem Wasser wieder, ein Bild, das sich in den Wogen leicht hin und her bewegte.
„Es gab unter euch Irden einen Philosophen, ich habe eines seiner Werke im Schiff gelesen. Er hieß Pythagoras.“
„Du und deine vergammelte Literatur.“ Mein Scherz kam ziemlich kläglich.
Iason massierte sanft meinen Nacken. „In manchen dieser alten Schriften stecken aber auch Wahrheiten drin.“
Lange sagten wir nichts.
„Und?“, fragte ich dann.
Er grinste. „Was und?“
„Na, was sagt er?“
„Bist du jetzt doch neugierig geworden?“
Ich knuffte ihm sachte in die Seite. „Komm schon.“
Eine Sternschnuppe sauste über den Himmel hinweg.
„Er sagt: Gegen die Schmerzen der Seele gibt es nur zwei Heilmittel, Hoffnung und Geduld.
Damals, als ich mich auf dem Weg zur Erde befand, habe ich mir seine Worte sehr zu Herzen genommen. Und im Nachhinein finde ich, euer Pythagoras hatte recht.“
Ich nahm einen tiefen Atemzug.
Er winkelte ein Knie an und lehnte die Stirn an meine. „Ich hätte alles dafür gegeben, um es dir zu ersparen, aber jetzt hast du gesehen, was außerhalb deiner sicheren Welt geschieht.“
Ich nahm seine Hand und küsste die Fingerknöchel.
Ja, ich hatte gesehen. Sehenden Auges war ich durch einen Abgrund gewandert, von dem ich mir noch nicht mal in meinen schlimmsten Träumen hatte vorstellen können, dass es ihn gab. Aber bei all dem Schmerz und den Unversöhnlichkeiten, mit denen ich von nun an leben würde, war ich auch der wahren Welt begegnet, einer Welt in der Hoffnung nicht nur ein blasser Schatten ist, an den man glaubt. Sie allein war es wert, die Augen zu öffnen, denn nur so konnte ich auch sehen, was alles möglich war, wenn man darum kämpfte.
„Genau deshalb wollte ich dich nicht auf Loduunisch küssen.“
„Aber jetzt könntest du es dir vorstellen?“
Seine Augen erhellten sich und ihr Strahlen wurde wärmer.
Ich versank in Schweigen, musste einen Moment nachdenken. Dann sah ich ihn wieder an. „Nicht jetzt.“
„War es nicht das, was du immer wolltest?“
„Ich weiß“, jammerte ich schon fast. „Aber ich will dich nicht mit meinen ersten Gefühlen von dem Danach quälen, ich will, dass sie schön für dich sind, dass sie dir guttuen. Lass uns noch etwas warten, ja?“
„Es würde mir nichts ausmachen. Ich gehe jeden Weg mit dir.“
Das machte es mir nicht leichter.
„Aber mir, mir würde es etwas ausmachen.“
Er lächelte anteilnehmend. „Kannst du mich jetzt verstehen?“
„Warum du es nicht vorher wolltest? Ja, jetzt kann ich es verstehen.“
Vom Rauschen der Wellen begleitet, blickten wir zum Himmel.
„Wo ist Deneb?“, fragte ich.
Die schwarze Silhouette seines Armes schob sich vor den Mond. Der zarte blaue Schimmer, der darüberschwebte, machte ihn wie immer unverwechselbar.
„Dort.“ Er zeigte auf die acht Sterne, die im Norden ein silbernes Kreuz bildeten. Und da sah ich ihn auch, Deneb, den hellsten Stern des Schwans, in dessen Richtung, fünf Lichtjahre entfernt von hier, Loduun lag. Iasons Hand senkte sich und gab den Blick zum Mond wieder frei.
„Und du bist hier, nicht dort. Siehst du, das Schicksal liegt doch in unseren eigenen Händen. Man kann einen Sinn steuern. Du bist der lebende Beweis.“
„Oder mein Sinn ist noch nicht erfüllt.“
„Dann werde ich wohl weiter auf dich aufpassen müssen, während du auf mich aufpasst.“
„Klingt schön“, sagte Iason lächelnd. „aber am Ende musst du mich gehen lassen.“
„Das sehen wir dann“, antwortete ich nur.
Er strich mit dem Daumen über meinen. Ich spürte seine Energie, die sich wie flüssige Wärme in mir ausbreitete.
Nie hätte ich geglaubt, dass sich Fremdheit jemals so vertraut anfühlen könnte.
Lang und lange noch sahen wir hinauf zu den Sternen, bis ihr Schimmern den an Macht gewinnenden Sonnenstrahlen weichen musste. Es würde ein heißer Tag werden, denn ein leises Brummen kündigte das frühzeitige Schließen der Kuppel an.
Ich stand auf und strich mir den feuchten Sand von den Kleidern. „Wir müssen gehen.“
Mit einem Satz war er auf den Füßen.
Zusammen traten wir durch das Tor der Außenwelt und ließen den Strand hinter uns. Ich wandte mich ein letztes Mal um und blickte nach oben. Was auch immer dort auf uns warten würde, jetzt, in diesem Moment war es weit, weit weg, und als sich unsere Hände ineinander verschränkten, war es, als durchbebte mich ein Klopfen, ein gemeinsamer Puls, der uns leben ließ, während sich das getönte Kuppelglas über uns schloss.

Ende

Vielen Dank liebe Kim!


1 Kommentar:

mia hat gesagt…

Gern geschehen :)

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